Grenzerfahrung Asthma: 3 Monate zum Marathon?

Ein Schneegestöber wütet in Westfalen. Es ist eine kalte Nacht im Januar 2021. Ich war bereit, mich dieser Eiseskälte im Dunkeln zu stellen.

Der Wind pfeift durch meine Klamotten. Schneeflocken schmelzen auf meinem Gesicht. 22:13 Uhr, Musik auf den Ohren, ich laufe los. Eine Stunde später war es geschafft. Das erste Mal in meinem Leben war ich zehn Kilometer am Stück gelaufen.

Das war der Anfang. Meine Leidenschaft zum Laufen wurde geboren. Ein neues Lebensgefühl entfacht. Ich hatte das damals mit 27 Jahren für unmöglich gehalten. Warum ich es trotzdem geschafft habe und über mich hinauswachsen konnte, erzähle ich hier.

Problemzone Ausdauersport

Schon mit sechs Jahren wurde mir Ausdauersport als No Go verkauft. Obwohl ich immer sportlich war. Es gab da nur ein Problem: ich bin Asthmatiker. Mir wurde eingetrichtert, dass ich schlecht Luft bekomme und deshalb keine Chance habe, die richtige Leistung zu bringen. Viel Luft zu bekommen war wirklich ein Problem für mich. Also sagte ich es mir auch selbst.

“Du erstickst doch fast, wie willst du da lange laufen?” – Vom Luft holen beim Schwimmen gar nicht zu reden.

Ans Laufen habe ich trotzdem glückliche Erinnerungen. Im Sportunterricht lief ich als kleiner Junge gerne, kurze und schnelle Distanzen. Längeren Strecken stellte ich mich fast nie. Knapp 20 Jahre baute ich eine Barriere auf. Diese Mauer musste ich niederreißen.

Endlich bekam ich Luft zum Atmen

In der ersten Woche begann ich mit ein bis sieben Kilometern. Der erste ein Kilometer Lauf war erdrückend. Meine Mauer war hoch, mein Schatten zerrte an mir. Meine Lunge spielte verrückt. Diese Schwere in der Brust, der röchelnde Atem. Ich bekam nur schwer Luft. Doch es wurde von Tag zu Tag besser. Mit jedem Lauf bröckelte meine Mauer mehr.

Nach meinem ersten zehn Kilometer Lauf knackte ich sie weiter. Mehrmals lief ich einen Halbmarathon und einmal sogar 30 Kilometer am Stück. Meine Pace war nicht herausragend, aber rückblickend bin ich stolz auf mich.

12,10 Kilometer in 01:03:44

20,05 Kilometer in 01:44:59

30,18 Kilometer in 02:47:38

Alles in nur drei Monaten. Ohne Trainingsplan. Keine richtigen Laufschuhe. Keine fancy Laufklamotten. Keine Laufuhr. Noch nie von Herzfrequenz-Training gehört. Allein das Ziel, meine Grenzen jedes Mal aufs Neue zu zersägen, trieb mich so weit. Gedanken über meine Pace machte ich mir nur, weil ich jedes Mal schneller sein wollte. Zwei Wochen lief ich jede Nacht um 23:00 Uhr zehn Kilometer.

Das war unfassbar für mich. Diese Schmerzen. Die Glücksgefühle. Was ich alles aushalten konnte. Wie leicht mir das Atmen fiel.

Welches Potential hatte ich all die Jahre liegen lassen?

Das magische Runners High

Meine Strategie war natürlich total wackelig und riskant. Die Recherche ließ ich komplett aus. Das merkte ich aber erst so richtig, als der nächste Meilenstein kam. Der Halbmarathon.

An meinen ersten Halbmarathon erinnere ich mich noch lebhaft. Mein erstes Runners High. Die Bäume fliegen vorbei, meine Beine federleicht. Der Speed war unfassbar, gefühlte 20 km/h. So ein Gefühl hatte ich noch nie erlebt.

Da war noch so viel Druck im Tank, so viel Power übrig.

Dieses Runners High brachte mich dazu, von einem Marathon zu träumen. Am liebsten 43 Runden um den Habichtsee, vor meiner Haustür.

Der “Plan“ vom Habichtsee Marathon

Deshalb lief ich kurz darauf so viel ich konnte. Minimum 30 Kilometer schrieb ich mir vor. Toller Trainingsplan! Keinen Gedanken verschwendete ich ans Fueling. Keine Flüssigkeit, keine Elektrolyte. Essen beim Laufen? Das ist doch bestimmt kontraproduktiv.

Ich hatte einfach genug davon, nicht an mich zu glauben, es nicht zu versuchen. Genug davon, nicht bis zum Letzten alles zu geben.

Das Ende meiner intensiven Läufer Phase

Ich gab alles, bis zum letzten Korn. Mein 30 Kilometer Lauf zerstörte mich. Ich war danach so fertig, dass ich zwei Stunden auf dem Sofa liegen musste. Meine Knie pochten. Es bildeten sich Beulen so dick wie Walnüsse. Ich konnte kaum gehen. Es war fürs erste gelaufen.

Nach einer Erholungsphase fand ich für einige Zeit zurück. Ich entdeckte das wunderbare Trail Running in der Senne. Nur kam ich nie wieder auf das Niveau was ich Anfang 2021 hatte.

Die Schmerzen waren so stark, dass ich es nicht herausfordern wollte. Meinen Knien zuliebe.

War das alles schädlich für meinen Körper?

Beim Orthopäden kam heraus, dass ich keine Arthrose oder Knorpelschäden in den Knien habe. Beim MRT bestätigte sich die Einschätzung des Arztes. Eine leichte, womöglich angeborene Hüftfehlstellung rechts und ein beidseitiges Impingement in der Hüfte.

Nichts was durch meine Laufabenteuer verursacht wurde. Die Qualen waren vorbei. Einfach irre, was der Körper wegstecken kann.

Neue Herausforderungen

Auch wenn ich heute nicht mehr regelmäßig laufe, hat diese Phase eine bleibende Wirkung. In diesem Jahr, rund vier Jahre später, lief ich zehn Kilometer beim Osterlauf in Paderborn. Mein erstes richtiges Laufevent. Ein Wahnsinns Gefühl. Natürlich ohne Vorbereitung.

Mitte des Jahres trainierte ich für meinen ersten Triathlon. Dafür lief ich 20 Kilometer pro Woche. Ich nahm sogar an einem richtigen Lauftraining, in einer Läufergruppe mit professioneller Anleitung teil. Das war ein riesen Spaß. Nur meine Knie kreischten. Zu viel Schmerzen für meinen Geschmack. Vielleicht ist doch etwas mit dem Meniskus?

Der große Erfolg für mich: Heute ist Asthma beim Sport fast gar kein Thema mehr.

Mein Schatten der mich beim Laufen verfolgt

2021 habe ich den Läufer in mir zum Leben erweckt. Und damit eine ganze Reihe Veränderungen angestoßen. Von mehr Selbstvertrauen, einer vitalen Ausdauer bis zu einem Lebenswillen, den ich bis heute spüre.

Verdammt! Das ist jetzt schon fast fünf Jahre her!

Manchmal wirken meine mentalen Grenzen wie ein Schatten. Sie wirken wie Dämonen, die mich am Leben hindern wollen. Das zu verwirklichen, was ich erreichen möchte. Nicht nur im Sport.

Nach meinem 30 Kilometer Lauf war mir klar. Diese Schatten verfolgen mich, egal wie viel ich laufe. Sie fordern mich immer wieder aufs Neue, mich ihnen mit strahlender Kraft zu stellen.

Warum sich die Schmerzen ausgezahlt haben

Sportlich habe ich extrem viel in dieser Phase gelernt. Am eigenen Leib gelernt was langfristige Leistung im Ausdauersport ausmacht.

Entscheidend für mich war: ich muss es einfach durchziehen und an mich glauben. Nicht nur drei Monate ballern, sondern langfristig und nachhaltig. Das kann kein Laufschuh, kein Trikot und kein Strava Post ersetzen.

Zu laufen hat mir gezeigt wie ich trotz Selbstzweifeln, meinen inneren Frieden erschaffen kann. Das es keine Schande ist, meine Grenzen zu akzeptieren. Und ich genau deshalb einen Schritt über sie hinausgehen kann.

Der Traum vom Marathon ist mir erhalten geblieben. Nur träume ich nicht mehr vom Laufen, sondern vom Schwimmen. Durch Wellen. Über 40 bis 50 Kilometer durch den Ärmelkanal.

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Lübeck und meine eisige Liebe zum Norden